Simone Kraft: Im Februar nimmt Rotkäppchen
die Fäden in die Hand in der Berliner
Galerie am Gierkeplatz (5.-21. Februar 2009) - so verspricht
es die Ausstellung von BARBARA RAPP, bei der 11 Collagen der
österreichischen Künstlerin gezeigt werden. Die aus verzerrt
gedruckten und kaschierten Fotoaufnahmen und mit Malerei und
Zeichnung kombinierten Arbeiten sind „Betrachtungen .
Erzählungen”, so der Titel der Collagen-Reihe, die sich mit der
Rolle der Frau in der heutigen Zeit auseinandersetzt. Rapp will
sensibilisieren für die soziokulturell bedingten und oft auch
unbewusst selbst gemachten Hürden (nicht nur) der Frauen. So
thematisiert sie etwa den immer exzessiver werdenden
Schönheitswahn oder gesellschaftlich und/oder politisch
beeinflusste Tendenzen im Zusammenleben von Mann und Frau, wie
man sie im eigenen Umfeld oder durch die Medien beobachten kann.
Ziel sei es, so betont Rapp, Fragen aufzuwerfen, ohne jedoch den
Anspruch zu erheben, dem Betrachter absolute Antworten und
Auflösung bieten zu können und zu wollen.
Die in Rot- und Grau-Tönen
gehaltenen Collagen wirken provokant, ironisch, frech und
entfalten eine starke Aussagekraft. Sie spielen mit dem
weiblichen Körper, der dem Blick des Betrachter einerseits
„voll” angeboten wird - volle Brüste überall, teils mit Körper,
teils allein -, andererseits aber gerade durch das „Überangebot”
und die verzerrte Darstellung - die weiblichen Figuren scheinen
fast nur aus Kopf und Brust zu bestehen - überzeichnet und
karikiert wird.
Weitere Antworten zu ihrer Arbeit
gibt Barbara Rapp in einem Interview, das auch auf der Seite der
Gesellschaft der Freunde der Künste erschienen ist:
Warum der Titel „Rotkäppchen nimmt die Fäden in die Hand "?
Das
Rotkäppchen war ein märchenhaft naives Mädchen, das sich vom
bösen Wolf allzu leicht hinters Licht führen und einfach
geschehen ließ, was eben vermeintlich zu geschehen hat.
"Mein"
Rotkäppchen wächst aus dieser passiven Rolle heraus, übt sich in
Eigenverantwortung, nimmt die besagten Fäden selbst in die Hand
und lässt sich nicht mehr als Marionette durchs Leben führen.
Diese
Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte
Ausstellung. Kritisch und auch mit einem kleinen Augenzwinkern
werden aktuelle Entwicklungen im allgemeinen Zusammenleben von
Mann und Frau sowie auch in der wachsenden „Schönheitsindustrie“
verarbeitet. Ich erzähle, im übertragenen bzw. bildlichen Sinne,
von meinen diesbezüglichen Beobachtungen und Betrachtungen. Über
das in meinen Werken Angesprochene nachzudenken und im
allerbesten Falle daraufhin, also aus den jeweiligen
„Überlegungsresultaten“ heraus, auch zu handeln, dazu möchte ich
mit meiner Arbeit anregen.
Wieviele Arbeiten werden gezeigt?
An der
Wand werden elf Bilder (be- bzw. übermalte Collagen) gezeigt,
ergänzt durch kleinere thematisch korrespondierende Blätter
(Zeichnungen, Grafiken) in einer aufgelegten Mappe.
Ist
diese Ausstellung die erste, die Ihre Arbeiten in Deutschland
zeigt?
Dies ist
meine erste Einzelausstellung in Deutschland. Über
Gemeinschaftsprojekte und Gruppenausstellungen wurden meine
Werke zuvor jedoch auch schon in Leipzig, Frankfurt, Bochum und
Düsseldorf gezeigt. Im Mai/Juni 2009 steht eine Neuvorstellung
meiner Arbeit in der Galerie Hexagone in Aachen auf dem Plan.
Neben
bisherigen Ausstellungen und einer Messe in Österreich bin ich
auch sehr weitläufig bis in die USA und nach Indien aktiv.
Die
Auseinandersetzung mit Weiblichkeit und der Rolle der Frau in
der Gesellschaft ist ein wichtiges Thema in Ihrem Schaffen?
Ja, denn
trotz einiger Errungenschaften politischer und anderweitig
aktiver Frauen bestehen immer noch Missverhältnisse im
gesellschaftlichen, politischen und arbeitsmarkttechnischen
Bereich, welche sich zum Teil auch direkt auf das persönliche
Befinden der Frau auswirken. Darauf möchte ich aufmerksam machen
und darin eingebettet auch auf das Dilemma im Bereich der
Akzeptanz des eigenen Körpers, in welches sehr viele noch nicht
in sich gefestigte Frauen immer wieder geraten.
Also ein Anprangern der Diskriminierung von Frauen?
Keinesfalls will ich in die Rolle der Anklägerin verfallen oder
über die ach so unerträgliche Situation jammern und ich stelle
auch nicht den Anspruch, allgemeingültige Lösungen anzubieten.
Vorerst freue ich mich darüber, wenn meine Versuche einer
Sensibilisierung auf diese Thematiken es schaffen, meine
Geschlechtsgenossinnen dazu anzuregen, über sich selbst zu
reflektieren sowie aus der in gewisser Weise doch ein klein
wenig bequemen Opferrolle herauszuwachsen und selbstbewusst
aktiv zu werden.
Natürlich
sind alle männlichen Protagonisten in unserem
Gesellschaftstheater ebenso zu diesbezüglichen Aktivitäten
herzlich eingeladen.
Sie
sind Autodidaktin – wie ist Ihre künstlerische Entwicklung
verlaufen?
In den
Anfangszeiten meines künstlerischen Schaffens habe ich
gegenständlich gearbeitet - also gezeichnet und gemalt, was mir
vor das Auge kam und mich in verschiedenen Techniken geübt.
In
weiterer Folge suchte ich dann über die Abstraktion nach
reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten, meist in Form von
Acrylmalereien und Materialbildern, welche sich thematisch
hauptsächlich mit dem individuellen Lebensweg und seinen
Wegkreuzungen auseinandersetzten. Diese Phase war ebenso ein
intensives Erfahren des Farbspektrums, unterschiedlicher
Formensprachen, des Arbeitens mit verschiedenen Materialen und
des Einsatzes dieser und jener Maltechnik. Während der Zeit
entstanden auch die ersten Skulpturen und lyrischen Texte.
Nach dem
beinahe ein Jahrzehnt lang dauernden Ausflug in den
ungegenständlichen Bereich hatte ich in den letzten Jahren
zunehmend das Bedürfnis, die Aussage in meinen Arbeiten
anschaulicher und direkter zu treffen. Hierfür erschien mir die
Figuration wesentlich besser geeignet. Über mehr oder weniger
realistische bzw. surreale Malereien in Acryl und Mischtechnik
bin ich nun bei meiner aktuellen Bild- und Formensprache
angekommen, mit der ich bevorzugt sowohl in der Malerei (Acryl
und Collage/Mischtechnik) als auch im grafisch-zeichnerischen
und druckgrafischen Bereich arbeite.
Ergänzend
dazu lasse ich mir nach wie vor den Einsatz der Medien
Fotografie, Skulptur und Text offen.
Haben Sie besondere Vorbilder, die Sie beeinflusst haben?
Sehr beeindruckt bin ich von Frida
Kahlo wegen ihrer schonungslosen und intensiven Beschäftigung
mit ihrem Schicksal, und auch von Maria Lassnig, wenn es um das
Einlassen auf das Körperliche geht.
Wieso
Kunst? Wie haben Sie zur Kunst gefunden? Was bedeutet es für
Sie, sich künstlerisch auszudrücken?
Die Frage „Wieso Kunst?“ hat sich mir nie gestellt – sie
ist für mich nicht etwas, wofür man sich entscheidet, sondern
etwas, was in einem ist.
Was mir die Kunst bedeutet – dies hat sie mir auf ihre Weise
gezeigt. In vergangenen Lebensphasen nach meiner Jugendzeit mit
nicht unbedingt darauf ausgerichtetem Umfeld dachte ich, auf sie
verzichten zu können. Erst als meine private Situation es mir
wieder erlaubte, mich intensiv mit künstlerischen Belangen in
allen Facetten zu beschäftigen, wurde mir klar, wie sehr ich
eigentlich unter dem Entzug gelitten habe.
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