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Vom Fortschreiben
virtueller Gespräche
„Beim Dinner. Mit ...“ Leerstellen für Sammler
"Für ein gutes Tischgespräch kommt es nicht so sehr darauf an,
was sich auf dem Tisch, sondern was sich auf den Stühlen
befindet.“
Walter Matthau
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Black Screen of... Kratzung/Zeichnung
Mischtechnik auf Fotografie 30x45cm Maks Dannecker & Barbara
Rapp 2010
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Ein Dinner ist ein gesellschaftliches Event. In einem feierlichen Rahmen
treffen geladene Gäste aufeinander, konversieren, diskutieren,
dinieren. Ein Dinner kann berufliche Gründe haben oder private,
es ist ein besonderer Anlass, für den man sich fein macht. Man
tauscht sich aus mit den anderen Gästen, zu zweit oder zu
mehreren. Was aber, wenn das Gegenüber nicht besetzt ist? Wenn
nicht klar ist, wer beim Dinner anwesend ist? Wenn eine
Leerstelle ist?
MAKS DANNECKER und
BARBARA RAPP laden ihre Gäste zu einem "'Dinner.
Mit ...' Leerstellen für Sammler".
In der Wiener
Galerie Peithner-Lichtenfels inszenieren sie ihr Gastmahl in einer
raumgreifenden Installation, die dem Besucher Spuren virtueller
Tischgespräche präsentiert: Über einen längeren Zeitraum haben
die Künstlerinnen in diversen Social Networks, aber auch via
Instant Messaging, Weblogs oder SMS vor ausgewählten virtuellen
Kontakten
Fotografien zur Diskussion gestellt. Damit war die
Gesprächsrunde überschaubar, wenn auch in anderen Dimensionen
als in reality.
Unter der Leitung von Dannecker und Rapp kommentieren die
virtuellen „Dinner-Gäste“ die Aufnahmen, diskutieren, streiten,
fragen nach, ironisch, nachdenklich, kritisch – Kommentare, die
die Künstlerinnen sammeln. Das Web 2.0 eröffnet hier eine neue
Art der Interaktion: Kommunikation findet zwar nicht von
Angesicht zu Angesicht statt, aber es entsteht eine andere Art
des Gesprächs, das über einen längeren Zeitraum laufen kann.
Antworten können reflektiert, revidiert, neu kommentiert und
erläutert werden. Die Diskussion ist zeitlich wie räumlich
ungebunden und offen, ja, im Grunde genommen auch nie zu Ende,
es sei denn die Moderatorinnen schließen einen
Diskussionsthread.
Die zur Diskussion gestellten Fotografien sind fotografische
Relikte, die Dannecker im Laufe verschiedener Projekte in Europa
und dem Nahen Osten gesammelt hat. Ausgewählt haben die
Künstlerinnen Arbeiten, die „Leerstellen“ offen lassen: Viele
Aufnahmen erscheinen auf den ersten Blick eher unaufgeregt,
manche Motive sind verschwommen und geben nicht ohne Weiteres zu
erkennen, was darauf zu sehen ist. Zudem werden der
Diskussionsrunde bewusst keinerlei Informationen zu den
Fotografien gegeben. Ganz im Sinne der Rezeptionsästhetik
begegnen die virtuellen „Dinnergäste“ Aufnahmen, deren Bedeutung
sich nicht eindeutig aus dem zu sehenden Motiv heraus
erschließt, sondern die in ihrer Deutung für Interpretation und
Assoziation offen sind. Was Wolfgang Iser etwa für Leser eines
Textes formuliert hat, gilt auch für die Betrachter der
Fotografien: „Der Leser [oder Betrachter, d. Verf.] wird die
Leerstellen dauernd auffüllen beziehungsweise beseitigen. Indem
er sie beseitigt, nutzt er den Auslegungsspielraum und stellt
selbst die nicht formulierten Beziehungen zwischen den einzelnen
Ansichten her. [...] Erst die Leerstellen gewähren einen Anteil
am Mitvollzug und an der Sinnkonstitution des Geschehens.“[1]
Dadurch eröffnen die Fotografien dem Betrachter Möglichkeiten,
die ihn zu überraschenden, kreativen, verblüffenden Gedanken und
Assoziationen anregen. Sie erweisen sich als offen,
geheimnisvoll, unbestimmt – als „leer“ an vorbesetzter Bedeutung
und damit als ideale Ausgangspunkte einer thematisch offenen
Diskussion. Die Kommentare sind Annäherungen, Deutungsversuche,
Ideen, Überlegungen, kurz:
Ansätze, die
Leerstellen der Fotografien mit Bedeutung zu füllen.
Fragmente dieser gesammelten Online-Gespräche haben die
Künstlerinnen herausgegriffen und für die weitere Gestaltung
ihrer medienübergreifenden Arbeit genutzt. So hat Rapp in
Reaktion auf diese Diskussionen Danneckers Fotoarbeiten in ihrer
charakteristischen Formensprache bearbeitet, indem sie,
inspiriert von den Gesprächen, direkt auf die Fotografien ihre
individuelle Sicht der „Leerstellen“ dieser Bilder eingeritzt,
übermalt, gerissen hat. Auf dem Papier entstehen so tatsächlich
fassbare Leerstellen – die inhaltliche Unbestimmtheit der
Fotografien wird einerseits mit Bedeutung und Interpretation
gefüllt, andererseits erhalten sie im Bearbeitungsprozess neue
„Fehlstellen“. Aus der virtuellen Diskussion wird ein Dialog
zwischen den Künstlerinnen. Während Danneckers Fotografien und
Recherchen gleichsam den Auftakt der Diskussionen bilden,
stellen Rapps Eingriffe einen – sehr persönlichen – Epilog zum
Prolog der Fotografin dar. Verschiedene künstlerische Medien
treffen aufeinander, Inhalte und Motive begegnen sich, reagieren
miteinander, formen neue Bildwelten.
Als Mittel- und Ausgangspunkt einer Diskussion sind die
bearbeiteten Fotografien zentriert im transparenten „Inneren“
hinter Plexiglasplatten installiert. Darüber wurden mit
schimmerndem Silberstift Fragmente der virtuellen Diskussionen
geschrieben. Diese „Gesprächsfetzen“ lösen Dannecker und Rapp
aus dem jeweiligen Kontext, recherchieren dazu, ergänzen sie
inhaltlich, stellen sie erneut zur Diskussion. Durch die
Eingriffe der Künstlerinnen entstehen neue, fiktive
„Gesprächspartner“, die auf den virtuellen Diskussionen
basieren, diese jedoch zugleich weiterentwickeln und um neue
Deutungsebenen erweitern.
So wird nicht nur der Entstehungsprozess, der die Künstlerinnen
zur Gestaltung ihrer Arbeiten geführt hat, sondern auch ein
Resümee eines Gesprächs visualisiert – eines im wahrsten Sinne
mehrschichtigen Gesprächs, das abgeschlossen, aber doch noch
nicht zu Ende ist, denn die Arbeiten können selbst wieder
Ausgangspunkt einer Diskussion werden: Der Betrachter wird Zeuge
einer Konversation, ohne anwesend gewesen zu sein, und kann
zugleich selbst teilnehmen und die Leerstelle im Dinner
zeitweilig besetzen.
Dannecker und Rapp streben die Interaktion der
Ausstellungsbesucher und Betrachter ihrer Arbeiten an,
Impulse und Feedback in Form von Kommentaren auf einem internen
Projektblog sind ausdrücklich erwünscht. Ihr
Kollaborationsprojekt wird zum „work in progress“, das nicht nur
den Künstlerinnen die Möglichkeit zum stetigen Dialog bietet,
sondern auch den Rezipienten.
Der Prozesscharakter ist ein wesentlicher Teil der Arbeit von
Dannecker und Rapp.
Seit 2008 arbeiten die beiden an diversen Projekten zusammen,
die um die Themen Kommunikation, Internet, virtuelles und reales
Miteinander und Interaktion kreisen, dabei aber stets auch die
Möglichkeiten anderer künstlerischer Disziplinen und externer
Vorgänge integrieren. Als visuelle Künstlerin recherchiert Maks
Dannecker ihre Projekte, die sie in Fotografien, aber auch mit
Mixed Media, Slideshows und Installationen verarbeitet,
intensiv. Es gibt kein „Primärprojekt”, sondern die bewusste
Beschäftigung mit den vielfältigen Facetten des Menschen in
seiner Welt. Ihre thematischen Schwerpunkte setzen sich vor
allem mit Gesellschaft und Memetik, Identität und Sicherheit,
aber auch mit dem technologischen Wandel, den Edelmetallmärkten
und Alchemie sowie mit Glaube und Mythologie auseinander. Barbara Rapps
Arbeit fokussiert die Rolle der Frau in der heutigen
Gesellschaft und beschäftigt sich mit Themen wie
Individualismus, dem Verhältnis von Männern und Frauen oder dem
grassierenden Schönheitswahn. Ihre Beobachtungen aus den Medien,
den sozialpolitischen Entwicklungen der Gesellschaft, aber auch
in ihrem direkten Umfeld verarbeitet sie in Collagen, Gemälden
und Grafiken sowie in Mixed Media, Objekten und Videos. Sie
bedient sich dabei einer zuweilen humorvollen, zuweilen
drastischen Bildersprache und präsentiert ihre Themen mit einem
kritischen Augenzwinkern, um Fragen aufzuwerfen und für
gesellschaftliche Probleme zu sensibilisieren, ohne dabei den
Anspruch zu erheben, dem Betrachter allgemeingültige Antworten
vorzusetzen.
Simone Kraft | Jänner 2011
Simone Kraft, M.
A. (*1980) ist Kunst- und Architekturhistorikerin aus Heidelberg
und promoviert über die dekonstruktivistische Architektur. Sie
arbeitet als freie Kunst- und Architekturjournalistin,
Kuratorin, Redakteurin und Lektorin, publiziert regelmäßig in
verschiedenen Kunst- und Architekturmedien und betreibt den Blog
deconarch.com über Kunst und Architektur.
weitere Auswahl an Fotoarbeiten
zu diesem Projekt:
www.barbara-rapp.com/a new/werke/dannecker.htm
[1]
Wolfgang Iser, Die Appellstruktur (1970), in:
Rainer Warning (Hg.), Rezeptionsästhetik. Theorie und
Praxis, München 1975 (= Utb 303), S. 234–236.
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