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Wie das Märchen bei den Grimms
weitergeht, ist hinlänglich bekannt. Rotkäppchen hält sich nicht
an die Worte der Mutter, sondern lässt sich vom Wolf verführen,
abseits des Weges Blumen zu pflücken, der Wolf eilt zur
Großmutter, verschlingt diese und das Rotkäppchen noch dazu.
Erst durch das beherzte Eingreifen eines Jägers können beide
gerettet werden. Was aber wäre, wenn das märchenhaft naive
Rotkäppchen sich nicht vom bösen Wolf hinters Licht führen
ließe? Wenn es nicht passiv bliebe, bis der Retter kommt,
sondern aktiv die Verantwortung für das Geschehen übernähme?
Bei Barbara Rapp nimmt Rotkäppchen die
Fäden selbst in die Hand und lässt sich nicht mehr als
Marionette durchs Leben führen. Recht eindeutig wendet es den
Rücken zur Einbahnstraße und hat souverän die Führung über
Nacktheit und Sexualität übernommen.
Das Thema der weiblichen Souveränität
und die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit der eigenen
Sexualität ziehen sich wie ein roter Faden durch Rapps Schaffen,
das um die Rolle der Frau in der heutigen Zeit kreist. Denn
allen Errungenschaften der Emanzipationsbewegung zum Trotz
bestehen in vielen Bereichen noch immer Missverhältnisse
zwischen den Geschlechtern – sei es auf dem Arbeitsmarkt, der
für gleiche Arbeit häufig unterschiedliche Gehälter zahlt und
Führungspositionen nach wie vor unterdurchschnittlich weiblich
besetzt, sei es im gesellschaftlichen Bereich, der die
Kindererziehung und Familienpflege in erster Linie von den
Frauen erwartet.
Für diese soziokulturell bedingten,
aber vielfach oft auch unbewusst selbst gemachten Hürden will
die Künstlerin sensibilisieren. Ihre Beobachtungen, die sie
sowohl in den Medien und den sozialpolitischen Entwicklungen als
auch in ihrem direkten Umfeld gemacht hat, verarbeitet Rapp in
Collagen, Gemälden und Grafiken. So kombiniert sie verzerrt
gedruckte Fotografien mit Malerei und Zeichnungen zu in Rot- und
Grau-Tönen gehaltenen Collagen, die provokant, ironisch, frech
wirken und eine starke Aussagekraft entfalten, während sie in
ihrer Grafik-Reihe zustand # ihr eigenes Fotoporträt mit
Zeitungs- und Papierausschnitten auf Leinwand kaschiert und
teilweise übermalt. Dabei handelt es sich nicht um ein
Selbstporträt im klassischen Sinne, sondern um ein Zeigen einer
Frau, die sich selbst in verschiedenen Situationen auf dem Weg
zu einem gefestigten Selbstverständnis beobachtet; verschiedene
„Zustände“ unter unterschiedlichen Einflüssen und in
verschiedenen Umfeldern werden visualisiert.
Darüber hinaus thematisiert Rapp den
immer exzessiver werdenden Schönheitswahn, der rasant um sich
greift und sich immer mehr auf medial veränderte
„Photoshop“-Ideale versteift. Mode, Kosmetik und Chirurgie
helfen da nach, wo die Natur nicht perfekt genug ist. Gerade
noch nicht in sich gefestigte Frauen geraten oft in den Strudel
einer sich selbst gesetzten Idealvorstellung, die sich den von
außen vorgegebenen optischen Zielen anpassen zu müssen glaubt.
Die sich zur Schau stellende Weiblichkeit ist ein Thema, das
immer wieder in Rapps Arbeiten auftaucht – Brüste, allein oder
auf „Strichkörpern“, und nackte Körper überall, die dem Blick
des Betrachters dargeboten werden. Durch ihre Überpräsenz und
die verzerrte Darstellung – die weiblichen Figuren scheinen fast
nur aus Kopf und Brust zu bestehen – wird die ständige
Verfügbarkeit des (meist) weiblichen Körpers, wie sie aus Mode
und Medien vertraut ist, überzeichnet und karikiert. Das passive
Darbieten wird zum aktiven und provokanten Zeigen – mit einer
gehörigen Portion Selbstironie.
Die Künstlerin ist stets mit sehr viel
Humor bei der Arbeit, der vor allem aus den Titeln deutlich
wird. Diese sind bewusst gewählt und geben dem Gezeigten den
letzten Schliff: Titel und Bild eröffnen zusammen ein komplexes,
facettenreiches Ganzes, das die Reflexion der Betrachter anregt
und Assoziationen in Gang setzt.
Wenn etwa eine der jüngsten Arbeiten
wer hat angst vorm tschuschenweib? heißt, so knüpft der
Titel an der sprichwörtlichen Angst vorm Schwarzen Mann an –
eine klischeebeladene Formulierung, die paradigmatisch für eine
vorurteilsbehaftete Haltung gegenüber dem Fremden, Unbekannten
steht. Diese wird durch die neue Wortkombination persifliert.
Zudem kommt eine gesellschaftspolitische Dimension mit ins
Spiel, die auf ein typisches Kärntner Problem, der Heimat Rapps,
mit der slowenischen Minderheit verweist: „Tschuschen“ ist unter
anderem ein umgangssprachliches Schimpfwort für Kärntner
Slowenen.
Die ironische Haltung spielt eine
wichtige Rolle für Rapp; sie verhindert das
Sich-selbst-zu-ernst-nehmen und sorgt für eine gewisse Distanz
gegenüber den verarbeiteten Themen. Denn die Künstlerin will
nicht in die Rolle der Anklägerin verfallen, die über
gesellschaftliche Probleme oder die ach so ungerechte Situation
der Frauen klagt. Dies wäre zu simpel und würde letztlich nichts
anderes bedeuten, als doch wieder in die passive Haltung des
Grimm’schen Rotkäppchens zu verfallen, dem bösen Wolf die Schuld
zuzuweisen und auf den Retter von außen zu warten, der einem
Deus ex machina gleich Rettung bringt – kurz: die Fäden aus der
Hand und die Verantwortung abzugeben.
Stattdessen ist es
Rapps Ziel, aufmerksam zu machen, Fragen aufzuwerfen, zu
sensibilisieren für gesellschaftliche Probleme – denn die
Perspektive ist keinesfalls auf eine einseitige, nur weibliche
Sichtweise zu reduzieren –, ohne dabei jedoch den Anspruch zu
erheben, dem Betrachter allgemeingültige Antworten bieten zu
können und zu wollen. Denn auch damit würde letztlich die
Verantwortung abgegeben: An ein Lösungsmodell von außen, das
pauschal angewendet werden kann und nicht reflektiert werden
muss.
Letztendlich kann es keine absoluten
Lösungen geben, sondern jeder/jede muss selbst aktiv werden,
alte Verhaltens- und Denkmuster überdenken, sich aus der
bequemen Opferrolle herausbewegen und selbstbewusst aktiv
werden.
heute ist die krone fällig
– die alten Denkhierarchien im Kopf kann nicht nur das
Rotkäppchen selbst in Angriff nehmen.
Simone Kraft, M. A.
Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, Heidelberg
www.deconarch.com
September 2009
Vorwort zum Katalog
der Ausstellung "heute
ist die krone fällig" Galerie Rimmer ab Oktober
2009
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