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bald ist
es schön
morgen
wird es gut sein.
wenn heiß und kalt
nicht von quecksilbersäulen gemessen wird.
morgen.
wenn sonne nicht nötig ist,
um leuchtendes strahlen zu sehen.
worte werden nicht gebraucht.
weil geist ausreicht,
um zu sagen
was sie glücklich macht.
warum ist der tag noch so lang?
anders
hast du die sektflöten poliert
und die orchideen am fenster gegossen
vergiss nicht
die dunkelblaue vase auf den glastisch zu stellen
bevor du gehst
sie werden nach spuren suchen
um zu erfahren
wer du gewesen bist
keine spuren zu hinterlassen
ist ihnen unheimlich
und sie müssen ihre eigenen geschichten erfinden
über dich
deine kennst nur du
scharlatan
er singt von den goldenen brücken,
auf denen sie hinüberschreiten
zu jenen herrlichen gefilden.
er erzählt von erfüllten wünschen,
warmen berührungen
und unbeschwertheit.
so schön klingen seine worte.
doch weiß ich,
dass auch er nur ein träumer ist.
wie kann er es wagen,
mit seinen liedern
hoffnung zu wecken.
in mir.
zwang
auf meine fragen
antwortest du
mit weiteren versprechungen.
flieg’ mich zum mond!
es macht keinen unterschied,
dich d a r u m zu bitten
oder
um freiheit zu winseln,
recht auf freiheit.
ich will nach oben sehen,
ohne deine spuren am himmel
verwischen zu müssen.
ich möchte hinunter schauen
ohne angst
vor der unbekannten dunkelheit.
an der ecke wartest du auf mich.
heute kann ich dich nicht
besuchen,
weil du mich schon viel zu lange
begleitest.
i c h fliege zum mond!
regenerieren
wenn der fernseher nicht funktioniert,
bringe ich ihn zum elektrotechniker.
schlagen hohe flammen um das haus,
steht die feuerwehr vor der tür.
der gärtner verrät mir,
warum die blumen am fenster braune blätter tragen.
unklarheiten mit meinem kind
bespreche ich mit der psychotherapeutin.
für probleme mit meiner familie
hat die kollegin ein offenes ohr.
und ich?
gott, glauben manche, erübrigt die frage danach.
warum versteckt er sich so gut vor mir?
freunde, meinen viele, begleiten mich auch in schlechten zeiten.
wieso verschafft ihre nähe keine wirkliche erleichterung?
ärzte, sagen wenige, reparieren das defekte an mir.
manche droge gibt vor, zu wirken.
bis ich aufwache.
wäre es nicht besser,
einfach weiterzuschlafen?
abend
kennst du
das unbeschwerte schweben
des herzens,
weißt du
wie auch angst
vor der nächsten sekunde
dein denken beherrscht,
hast du
fallenlassen
im vertrauen
auf das fangnetz aus liebe
gewagt,
siehst du
dich
mit einem lächeln
der stolzen erleichterung,
hoffst du
nichts mehr
als all’ das
für jene nach dir,
dann
darfst du
gehen.
richtig
es wäre leichter,
wenn das fühlen tot sein könnte.
sie hätte nicht zu wählen
zwischen heuchelei
oder leben.
so viele
tun es, warum nicht auch sie?
mit leerer hülle
den weg der sicherheit gehen
und nicht bangen müssen.
empfinden
gegen leere existenz eintauschen.
maske unter masken sein.
doch sie hält fest an ihrer welt
mit den hohen gipfeln und tiefen schluchten.
spürt
klirrende kälte
und süßes schmelzen
viel lieber
als nichts.
reinheit
morgen wird er sich den bart abrasieren und die fingernägel
schneiden,
das graue, schüttere haar mit dem hirschhornkamm nach hinten
frisieren.
das karierte baumwollhemd und seine strickweste anziehen, zur
tweedhose.
mit seinen filzpantoffeln wird er die holztreppe hinaufsteigen
in den ersten stock,
um seinen engel zu besuchen.
seine kleine.
trösten will er sie dann, ihre hand halten und ganz sachte
über die blasse stirn streicheln.
„du bist nicht böse gewesen.“ wird er sagen. „du nicht.“
„deine gedanken waren es. ich kenne deine gedanken.
stell dir doch vor, wenn du hinuntergegangen wärst, zu denen!
du
mit deinem weißen gewand, deinen großen augen.
stell dir doch vor, was sie gesehen hätten
in dir!“
er wird zum fenster gehen und das unkraut aus den
orchideenstöcken zupfen.
den ausblick auf die schneebeckten bergspitzen sehen
und ihr davon erzählen.
„da oben ist die luft ganz klar. und noch weiter oben
will ich dich finden.“
morgen wird er die holztreppe hinaufsteigen.
aber heute muss er noch das haus lüften, um den leichengeruch zu
vertreiben.
denn sein schlafender engel
verträgt keinen gestank.
tage
einer katrina
15. juli 1970
sie geht von der volksschule ab. mit drei „genügend“ im
abschlusszeugnis verpasst sie die aufnahme in das
bundesrealgymnasium. vater ist enttäuscht. seine tochter als
rechtsanwältin wäre schmückendes beiwerk für das perfekt
inszenierte familien-idyll gewesen.
august 1970
nichts zu leisten ist nicht erlaubt. also bringt mutter sie zur
verhassten tante. „theresia’s sonneninsel“ heißt die
frühstückspension der leistungsfähigen tante. das unscheinbare
haus steht am waldrand, es ist meist schattig und daher recht
kühl in den schlicht eingerichteten zimmern.
jeden morgen kriecht eine leistungsfähige katrina aus dem
knarrenden holzbett und wäscht sich mit seife und waschlappen.
es ekelt ihr, viel lieber hätte sie eine heiße dusche, um den
hartnäckigen gestank vom abend zuvor loszuwerden. aber warmes
wasser steht für das personal nicht zur verfügung. auch nicht
für personal, das ausreichend leistung erbringt.
das angebot von „theresia’s sonneninsel“ beinhaltet massagen
„sonniger gemüter“ für eingefrorene schattenfiguren mit
eingefrorenen instinkten.
katrina’s finger streicheln jeden abend kalte haut von
schwitzenden glasaugen-monstern.
katrina’s hintern erstarrt jeden abend unter den festen griffen
lüsterner riesenpranken.
katrina’s augen sehen jeden abend gieriges verlangen in den
blicken toter menschenhüllen.
das waschritual am nächsten morgen verteilt den dreck eben nur.
tiefsitzenden dreck.
september 1970
polytechnischer lehrgang. „poly“ soll sie werden, nichts mehr
will sie sein.
jeden abend nach dem unterricht steigt sie in den zug, der nach
hause fährt. im raucherabteil sitzen oft alte bekannte aus der „sonneninsel“.
katrina erkennen sie nicht, doch sie erkennt die lüsternen
glasaugen hinter den perfekt inszenierten saubermann-fassaden.
zu hause gibt es nachtmahl, eiernockerl mit grünem salat. das
lieblingsgericht des bruders, er ist wtba -
wirtschaftstreuhänder berufsanwärter. nicolas hat noch viel vor
in seinem leben. vater ist stolz auf seinen nachfolger.
ob sie schon weiß, was sie nach dem neunten schuljahr in angriff
nehmen wird, fragt vater. und versucht dabei, zumindest
interessiert auszusehen.
ich warte noch auf die berufsberatung im nächsten monat, sagt
ihre stimme.
die erfindung eines reinigungsmittels gegen monsterschweiß,
denkt ihr kopf.
märz 1974
die verbunden finger brennen wie feuer, trotz der halben packung
eingenommener schmerzmittel in den letzten paar stunden.
vorgestern, als ihr anton endlich schlafend in der wiege lag,
konnte sie seinen anblick nicht mehr ertragen. in verzweifelter
wut über die ähnlichkeit zu seinem vater nimmt sie anton’s
milchflasche. sie füllt waschpulver und kochendes wasser hinein.
in der hoffung, endlich den dreck von ihren fingern zu kriegen,
schüttet sie sich die dampfende brühe über die hände. und sieht
teilnahmslos zu, wie die haut blasen schlägt.
doch anton sieht immer noch genauso aus, wie sein vater.
sie weiß immer noch nicht, wie sie sein kann, was sie sein will.
und schmerzmittel helfen auch nicht gegen monsterschweiß.
15. juli 1974
es klingelt, durch das guckloch sieht sie den leistungsfähigen
postboten vor der tür stehen.
ich bringe ihnen eine eingeschriebene briefsendung, hört sie ihn
von draußen rufen.
katrina zieht sich einen langen pullover über den nackten körper
und schließt auf. mit zittrigen händen unterschreibt sie die
zustellungsbestätigung und ignoriert den besorgten blick des
jungen mannes. er sieht sehr gepflegt aus mit seiner frisch
geschnittenen kurzhaarfrisur. so sieht man aus, wenn man ist,
wie man zu sein hat.
kann ich helfen? ich muss noch beim supermarkt vorbei und könnte
ihnen auf dem rückweg etwas mitbringen, lebensmittel oder so.
sie erschrickt über die angenehme stimme. so warme töne. von
einem, der monsterschweiß schwitzen könnte?
nein, danke. ich will mir nicht die finger schmutzig machen!
verständnislos sieht er sie an, schüttelt dann bedauernd den
kopf und geht.
absender des briefes sind ihre eltern. wollen sie wieder „ein
ordentliches gesellschaftsmitglied“ aus ihr machen?
liebe katrina!
wir wissen, dass du in schwierigkeiten bist. komm’ nach hause
und lass’ uns helfen. nicolas bietet dir in seiner kanzlei eine
stelle als schreibkraft an. deinen „unfall“ gibst du zur
adoption frei und fängst noch einmal von vorne an. wir erwarten
deinen anruf.
mama und papa
von vorne anfangen? wieder sonniges gemüt für schattenfiguren
sein?
oder in einem eckigen büro mit eckigen menschen zusammensitzen.
eckige papierseiten mit buchstaben vollschreiben.
gesellschaftlich akzeptiertes, schmückendes beiwerk sein?
anrufen? mama und papa?
16. juli 1974
katrina duscht sich heiß, die fast verheilten finger werden
ausgespart. sie zieht die schwarze lieblingsunterwäsche und ihre
einzige jeans an. über dem mageren körper schlackert der weite
strickpulli. das lange haar bindet sie zu einem großen knoten
und steckt sich zwei schmetterlingspangen an. mit dicken socken
an den füßen schlüpft sie in die schweren militärstiefel.
ein kurzer blick in das große zimmer: anton schläft. sie
bekritzelt hastig einen zettel, steckt ihn in ihre linke hintere
hosentasche und verlässt die schäbigen räumlichkeiten. draußen
ist es kühl, es dürfte bald regnen. mit schnellen schritten
marschiert sie durch die stadt. einige menschen gehen vorbei,
sehen durch sie hindurch.
am stadtrand hält sie einen traktorfahrenden bauern auf.
funkelndes leben in seinem blick. keine lüsternen glasaugen.
fahren sie richtung schoberwald?
ja, mädel. wo willst du denn hin?
zu „theresia’s sonneninsel“.
schad’ um dich, mädel. steig auf.
mit trauriger miene deutet er ihr zum leeren anhänger. sie setzt
sich auf den wackeligen bretterboden und der bauer fährt los.
ihr blick ist nicht traurig. sie lächelt.
die tür zu „theresia’s sonneninsel“ ist abgeschlossen -
mittagspause. katrina schiebt den zettel mit ihrer nachricht
durch den schlitz und geht weiter in den wald. als kleines
mädchen saß sie mit ihrer oma manchmal dort an dem großen
wasserfall.
jetzt will sie den rauschenden bach wieder besuchen und zuhören,
wie er diese wunderbaren geschichten erzählt. geschichten von
freigeistern in mauerlosen gebäuden. gedichte von
blumenpflückern. märchen über sternschnuppen und silberhimmel
...
die regenwolken haben sich verzogen.
17. juli 1974
kommst du bitte zum telefon, tante theresia ruft an! es geht um
katrina!
vater greift zum hörer. hat sie sich endlich eines besseren
besinnt?
mit schluchzender stimme liest die tante vor:
hallo mama, hallo papa!
das baby muss abgeholt und gefüttert werden. ihr wisst ja, wo es
zu finden ist. ich habe nachgedacht und werde auf euch hören.
noch einmal von vorne anfangen, das werde ich tun. heute schon.
lebt wohl.
katrina
18. juli 1974
der bauer mit dem funkelnden blick hatte sie aufgefunden. am
wasserfall, an einen großen felsen gelehnt. bereits verkrustetes
blut zieht spuren über ihre schenkel. auf dem leichenblassen
gesicht liegt ein zufriedenes lächeln. ihr dunkles haar fällt
offen über die zarten schultern.
mit einem scharfen steinsplitter hatte sie sich tief ins fleisch
geschnitten und gewartet, bis ihr schwindelig wurde. in den
mageren händen klemmen frisch gepflückte moosblüten.
durch die baumkronen blinzeln ein paar sonnenstrahlen in ihr
gesicht und malen kreise auf die porzellanwangen.
kein kalter monsterschweiß an ihren fingern. nur frische blüten
und warmes blut.
heute fange ich noch einmal von vorne an. |