lyrik/prosa
übersicht

 

selbst auf dem weg

     gut versteckt

 

augen verschweigen nicht
was lippen verboten ist
auszusprechen

atmen verrät
lebendigkeit

wegschauen
um nicht blossgestellt zu werden
wenn zitternde härchen auf der haut
gleichgültige worte lügen strafen

schweigend träumen
um der wirklichkeit zu zeigen
wie sie sein könnte

 

 

     einsamer

 

fährt er durch die strassen
hastig
um nicht zu versäumen
was auch ohne ihn
geschieht

wandelt er in der menge
aufmerksam
jedes gesicht
das entgegenkommt
schert sich nicht
darum

kümmert es keinen regentropfen
ob er
seine
nase abwärts rinnt
oder niemandes

schreien
doch seine eingeweide
ganz laut
ich bin da

will es auch niemand
wissen

 

 

     leiter

 

brich nicht
wenn ich dich besteige

wirf mich nicht ab
bis ich ganz oben bin

kann nicht sehen
wohin du mich führst

will nicht wissen
welche sprosse
die letzte
ist

 

 

     die augen schließen

sachte
weil das senken der lider
sonst ein universum erschüttert

erschaudern
wenn du dich spürst

aushalten
standhalten

nicht aufgeben jetzt
und die flucht
in so genannte wirklichkeiten wählen

abwarten
geschehen lassen

und dich mit dir selbst
belohnen

 

 

     voneinander

bin ich der
den ihr sucht

findet ihr den
der euch braucht

 

 

     rekonvaleszenz

 

der weg aus der schlucht

beginnt mit dem absturz

 

wenn das unwirkliche geheimnis

lebendig wird

lässt jeder atemzug

erschaudern

vor der erkenntnis

seiner selbst

 

das erkennen

verborgener unvollkommenheit

an idealen traumvorstellungen

vertreibt die furcht

vor dem entdecken

der wahren wünsche

 

 

     missverständnis

ganz oben in der baumkrone zwischen den frühlingsblüten
zwitschert ein zaghaftes stimmchen
und weiß nicht so recht, ob der frische wind
seine melodie auch weiterträgt.

wird der liebliche gesang sein ziel erreichen?

aus wind wird ein brausen,
macht singen zum polternden brüllen.
weckt schlafende hunde aus wollüstigen träumen.
scheucht hungrige katzen aus ihren verstecken.

ganz oben in der baumkrone zwischen den frühlingsblüten
wartet ein zaghaftes stimmchen
vergeblich
auf antwort.

 

 

     sehen
 

was willst denn du mir erzählen
und mich glauben machen,
es sei wahr?

was ich selbst sehe
kann nicht unbeachtet bleiben.

lass’ mir meine geöffneten augen,
verurteile nicht meine verklärten entdeckungen!
denn sie sind notwendig.
um frei zu werden
von deiner wahrheit.
und meine eigene zu finden.

 

 

     wann?

wenn das ticken der uhr
musik ist in deinen ohren
wirst du gut sein

gibst du dem falschen ton in deiner sinfonie
keine chance mehr
dich um ewigkeiten zurückzuwerfen
wirst du gut sein

willst du dich selbst nicht missen
um denen
die dich brauchen
zu geben
wirst du gut sein

wenn du weißt
dass du es
bist
wirst du gut sein

 

 

     hier und nicht dort

erzähle von den schönsten blumen
die auf fremden feldern wachsen
sehen will ich sie nicht

lass mich den glanz in deinen augen entdecken
wenn du von jenen reisen kommst
die dir alle wunder zeigen
welche hier niemals für dich geschehen
hören mag ich nichts davon

bring mir nur ein sandkorn mit
von den weissen stränden
an denen du gelaufen bist
doch führe mich niemals dorthin

so reicht
der duft eines jungen gänseblümchens
das du im garten pflückst
und hinter mein ohr steckst

um zu lächeln
und unsagbar glücklich zu sein

 

 

     heimkehr?

komm nicht zurück
ehe deine augen
alles
gesehen haben

wenn ich dich jetzt fortschicke

konntest du dann
verborgene schätze finden
dich nach den hellsten sternen strecken
und deine grandiosen träume leben

wirst du sehnsucht spüren

nach der zarten berührung
jener einst vertrauten
wirklichkeit

 

 

     gestalt annehmen

sieh hin
und verschließe nicht die augen
sage niemals
nichts davon zu wissen

wenn ihre blicke
dir schmerz zufügen
musst du nicht mitleid haben
mit dir

ein einziger versuch des verstehens
wird dich heilen

einmal den tropfen der hingabe gekostet
nie wieder sehnsucht
nach edlen werten
gebraucht

deine welt
wirst du nicht mehr kennen

bemerkte dich kaum
unter den leuten der großen taten

jetzt
sehe ich
dich

 

 

     wo ist die mutter?


deine augen sind mir böse
sie nennen mich versager
wo du doch meine stärke und liebe brauchst
 

zwischen matchbox-autos und videokassetten
könntest du kind sein und fröhlich lachen
dich fallenlassen in das wohlige bad
aus daheim und aus sicherer wärme
 

doch deine unschuldigen augen
schauen mich an
lassen mich hilflos und schmerzend spüren
dass du viel mehr weißt
als dir dein noch kleines gehirn
zu verstehen erlaubt
 

du rächst dich gewaltig
und weißt nichts davon
 

deine bösartigkeit weckt mich auf
reißt das schleißig löchrige tuch
meines mantels außeinander
und offenbart dir ein erkranktes ich
wie du es nie und nimmer haben wolltest

 

 

     kein leitfaden

die schnürsenkel sind gerissen
produktionsfehler
ein unmotivierter hilfsarbeiter am werk
trotzdem scheint draußen die sonne
aber nur
weil heute ein werktag ist
mir geht es gut
sagt mein buch mit den weisen worten

das lächeln in ihrem gesicht ist nicht echt
zuviel grimasse rundherum
was denkt eine maske wie sie
der brief eines freundes schreibt vieles
und nichts
aber mir geht es gut
sagt mein buch mit den weisen worten

die alte brücke am fluss ist gebrochen
das andere ufer bleibt unerreicht
dort drüben sind die
mit den weisen worten
sie kennen keine schnürsenkel
regen macht ihnen nichts aus
grimassen bieten schutz vor mut zur verletzlichkeit

ich lege mein buch zur seite
höre auf das
was auch wirklich ist

und plötzlich macht es spaß
mit offenen schuhen herumzulaufen
den regen in die nasenlöcher rinnen zu lassen
verschlossene menschen weinen zu sehen
um ihnen herzliches lachen zu entlocken
plötzlich ist es egal
wenn ich durch das kalte wasser schwimmen muss
um ans andere ufer zu gelangen
klitschnass vor sie hinzutreten
und mein haar so zu schütteln
dass große tropfen auf ihre sauberen gewänder spritzen

weil ich weiß
dass dann die mit den weisen worten
auch meine verstehen
und ich die ihren